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Krieg bis zum Sieg?

2022-08-27 09:59
von Thomas

Was den Krieg in der Ukraine angeht, ist es auch bei loyalen Experten in Moskau inzwischen kein Geheimnis mehr: »Wir haben den Gegner, wie es aussieht, um einiges unterschätzt«, schreiben die beiden Militärexperten Sergej Perschutkin und Oleg Falitschow im Juli im Fachblatt Nesawisimoje Wojennoje Obosrenje (Unabhängige MilitärrundschauNWO). Beide gelten in Militärkreisen als kompetente Autoren. Perschutkin ist Mitglied der Akademie für Militärwissenschaft in Moskau. 

Beide konstatieren, Russland habe nicht nur den ukrainischen Gegner insgesamt für zu schwach gehalten, sondern auch »die Stimmung eines nicht geringen Teils der Bevölkerung« der Ukraine unterschätzt, »der sich als benebelt erwies von der chauvinistischen Propaganda oder als eingeschüchtert«. Sie zitieren den Generaloberst und Veteranen der beiden Tschetschenien-Kriege Wladimir Schamanow, der gesagt hatte: »Wir haben uns geirrt, als wir annahmen, man würde uns mit Blumen begrüßen.« 

Perschutkin und Falitschow argumentieren, die Fehleinschätzungen hätten tiefe Ursachen. Analytiker in Russland, »einschließlich der für Prognosen zuständigen Unterabteilung der Militärakademie des Generalstabes«, hätten »lange nicht die nötige Aufmerksamkeit aufgebracht für die öffentliche Meinung in der Ukrai­ne«. Auch die russische »Ukraine-Kunde« sei insgesamt nicht auf der Höhe der Zeit. Das Wesentliche dabei sei: »Es fehlt ein wissenschaftliches Fundament für die Formierung einer staatlichen Politik Russlands hinsichtlich der Ukraine.« Auch fehlten »tiefe Untersuchungen zu den Wurzeln einer Wiedergeburt des Nationalismus«. 

Fehleinschätzungen 

Mit ihrem Urteil stehen die beiden Militärfachleute nicht allein. Auch der Analytiker Alexander Chamtschichin urteilt in derselben Ausgabe der NWO, die russische Führung habe »möglicherweise ernsthaft erwartet, dass die Streitkräfte der Ukraine nicht nur keinen ernsthaften Widerstand leisten, sondern die ukrainische Macht stürzen und helfen, in Kiew ein prorussisches Regime zu errichten«. 

Chamtschichin bilanziert, die Realität im Krieg habe »alle Pläne aller Seiten zunichte gemacht«. Infolge des Widerstandes der ukrai­nischen Armee hätten die russischen Streitkräfte »bedeutende Verluste« erlitten. Zudem hätten sie einen Monat nach Beginn der Kämpfe die zunächst eingenommenen Territorien in den Gebieten Tschernigow, Sumy, Kiew und Charkow wieder geräumt und danach »ihre Anstrengungen auf die Befreiung des Donbass konzentriert«. 

Zugleich habe der Westen angefangen, von Moskau eine bedingungslose Kapitulation zu fordern, ohne dafür eine Strategie zu haben: »Die Umorientierung des Westens auf einen militärischen Sieg der Ukraine« sei »ohne jeden klaren Plan« erfolgt, so Chamtschichin. Gleichzeitig sei man sich in Moskau bewusst geworden, dass ein schneller Sieg über die Ukraine nicht möglich sei. Auch werde die Möglichkeit einer auch nur teilweisen Mobilmachung im Kreml »aus politischen Gründen als nicht wünschenswert« angesehen. Indessen, so Chamtschichin, fordere die überwältigende Mehrheit der russischen Bürger von der Staatsführung einen »entschlossenen Sieg«. Kiew, so der Experte, verweigere jegliche Kompromisse. Für Moskau wiederum sei ein Rückzug aus den Gebieten Cherson und Saporischschja (russisch: Saporoschje) nicht akzeptabel. Dies würde »von der Armee und der Bevölkerung Russlands als schändliche Niederlage wahrgenommen werden«. Daher könnten sich Kiew und Moskau derzeit nicht verständigen. Somit könne der Konflikt »zum jetzigen Zeitpunkt nur eine militärische Entscheidung finden«. 

Der Westen aber, so der Analytiker, könne sein Ziel, die russischen Truppen aus den bereits eingenommenen Gebieten in der Ukraine zu vertreiben, nur erreichen, indem er die Waffenlieferungen erheblich erhöhe. Dies aber würde »unvermeidlich ernsthafte Probleme für die Verteidigungsfähigkeit der westlichen Länder selbst schaffen«. Deshalb, so seine Analyse, werde der Westen in absehbarer Zeit bereit sein, »einen Teil der Ukraine zu opfern, nicht nur de facto, sondern auch de jure«. 

Imperiale Logik 

So stellt sich die Frage, welche politischen Ziele die russische Führung mit ihrer Militäroffensive in der Ukraine verfolgt. Auf diplomatisch delikate Weise deutet der in Moskau gutvernetzte Chefredakteur der Zeitschrift Russland in der globalen Politik Fjodor Lukjanow in einem Interview in der Literaturnaja gaseta das Ziel der russischen Führung an: »Achten Sie darauf, dass im offiziellen Feld und in den inoffiziellen Expertendiskussionen das Thema der Existenz der Ukraine nach der Militärischen Spezialoperation völlig fehlt.« Es sei möglich, dass dies so sei, »weil es niemals diskutiert werden muss«. Mit anderen Worten: weil der ukrainische Staat am Ende der Militärkampagne zumindest in seiner bisherigen Form nicht mehr existieren werde. 

Dazu passt auch eine Äußerung von Außenminister Sergej Lawrow von Ende Juli bei einem Treffen der Liga der arabischen Staaten. Lawrow sagte, Russland werde »den Ukrainern auf jeden Fall helfen, sich von einem volksfeindlichen und geschichtsvergessenen Regime zu befreien«. Diese Aussage Lawrows, die er nicht ohne die Rückendeckung des russischen Präsidenten gemacht haben kann, zeigte, dass Moskau das Ziel eines Regimewechsels in Kiew nicht aufgegeben hat, trotz der – womöglich nur zeitweiligen – Rückführung der Truppen aus dem Großraum Kiew. Dahinter steht das Dilemma einer machtpolitischen Konfrontation auf dem Gebiet der bisherigen Ukraine. Es erscheint äußerst fraglich, ob Moskau sein von Putin proklamiertes Ziel »Sicherheit für den Donbass und für Russland« erreichen kann, solange ein wesentlicher Teil der Ukraine sich unter Kontrolle eines von NATO-Ländern hochgerüsteten, militant antirussischen Regimes befindet. 

Dabei gilt für Moskau, das sich geschichtlich immer wieder auch als das »dritte Rom« verstand, eine imperiale Logik, die bereits in der Antike bestand und im Jahre 146 vor Beginn unserer Zeitrechnung das Ende von Karthago bewirkte. Im Mittelmeerraum konnte es aus römischer Sicht und machtpolitischer Logik nur eine Großmacht geben: entweder Rom oder Karthago. Der Vorteil für Rom: Karthago erhielt keine Hilfe von außen. Zumindest erscheint die Vorstellung abwegig, Russland könne auf Dauer neben einem aggressiven Vorposten der USA in einem Kerngebiet der einstigen Sowjetunion friedlich und in Sicherheit existieren. 

Militärische Schwächen 

Zugleich werden auch unter systemloyalen Experten in Moskau Zweifel artikuliert, ob Russland das militärische Potential hat, das Ringen mit der Ukraine siegreich zu beenden. Wassili Kaschin, Direktor des Zentrums für europäische und internationale Studien der »Hochschule für Ökonomie« in der russischen Hauptstadt, schrieb Ende Juni in der Zeitschrift Russland in der globalen Politik: »Die Militärische Spezialoperation ist eine riskante Kampagne, die Russland gegen einen zahlenmäßig überlegenen Gegner führt, der Kampferfahrung hat und versorgt wird durch Finanzierung, Ausrüstung und Aufklärungsdaten der NATO-Länder unter Führung der USA.« 

Zudem analysiert Kaschin auch die Schwächen der ukrainischen Seite. Die russischen Streitkräfte einschließlich der Luftwaffe erlaubten der ukrainischen Armee nicht, Kräfte zu sammeln und zum Gegenangriff überzugehen. Zudem litten die ukrainischen Streitkräfte an einer »sinkenden Qualität der Neuzugänge« und an »wachsenden wirtschaftlichen Problemen«. Dabei geht Kaschin nicht davon aus, dass es Moskau gelingen werde, sich die gesamte Ukraine militärisch zu unterwerfen. Er prognostiziert einen weiteren russischen Vormarsch, vor allem im Donbass. Zur Jahreswende 2022/23 könne es dann zu einer »Fixierung der Frontlinie in Form einer De-facto-Grenze zwischen der Ukraine und Russland« kommen. Darauf werde eine »lange Periode eines kalten militärischen Gegensatzes in Europa« folgen. 

Kaschin thematisiert auch die Schwäche der russischen Luftwaffe, vor allem den Mangel an Kampfflugzeugen der fünften Generation, der es ihr nicht erlaube, so zu agieren wie die USA 1991 gegen Irak und 1999 gegen Jugoslawien. Eine »operative Luftherrschaft« habe die russische Luftwaffe nur im Donbass, so Kaschin. Für eine »großangelegte Luftwaffenkampagne«, die »schnell und radikal den Gang des Krieges ändern« könnte, fehle den russischen Luftstreitkräften »schlicht die Kraft«. 

Dass die strukturelle Schwäche der Luftwaffe die Achillesverse der gesamten militärischen Operation in der Ukraine ist, räumen auch andere Moskauer Fachleute ein. Wladislaw Schurygin, seit drei Jahrzehnten Kriegskorrespondent und Militärexperte, schrieb im Juli in der Zeitung Wsgljad, die Ukraine habe von den USA ein »stabiles und mächtiges Informationssystem der Luftverteidigung« erhalten. Die ukrai­nische Luftverteidigung stütze sich jetzt »auf die Einheit der Informationsmöglichkeiten der NATO und der ukrainischen Kommandozentralen«. Faktisch, so Schurygin, arbeite »die gesamte amerikanische Militärmaschinerie« zugunsten der Ukraine. Die »Militärische Spezialoperation«, so der für realistische Einschätzungen bekannte Analytiker, sei für Russland »ein hartes Examen«. Russland könne »nur siegen«, wenn es »genaue Antworten auf alle Fragen« finde. 

Die US-amerikanischen Waffenlieferungen, etwa auch die Antischiffsraketen »Harpoon«, mit denen sich Joseph Biden im Juni brüstete, erhöhen das aggressive Potential der Kiewer Macht. Wozu die in der Lage ist, zeigen seit Ende Juli mehrfache Angriffe gegen Militärobjekte auf der im März 2014 zum russischen Staatsgebiet gewordenen Halbinsel Krim. Auch in der Region Belgorod und anderswo attackiert Kiew verstärkt militärische Ziele auf russischem Territorium. Das birgt die Gefahr einer weiteren unabsehbaren Eskalation. 

Schurygin, der auch einen Telegram-Kanal mit der Bezeichnung »Ramsai« betreibt (der Deckname des deutschen Kommunisten und Mitarbeiters der sowjetischen Militäraufklärung Richard Sorge), weist zudem auf ernste Probleme des Landkrieges im Donbass hin. Der russischen Armee fehlten dort »Reserven für einen erfolgreichen Abschluss der Operation«. Auch gelinge es den Ukrainern immer wieder, etwa bei der Einnahme der Stadt Lissitschansk im Donbass, der beabsichtigten Einkesselung durch die Russen zu entgehen. 

Probleme der Rüstungsindustrie 

Im Kontext der strategischen Perspektiven diskutieren russische Experten auch, welches Potential die russische Militärindustrie hat, um die Armee für einen längeren Krieg zu rüsten. Russische Fachpublikationen nennen immer wieder die klassischen Probleme der russischen Rüstungsindustrie, die sich seit den 1990er Jahren trotz steigender staatlicher Finanzierung der Branche nicht geändert haben: Abwanderung von Fachkräften aufgrund niedriger Gehälter, eine Überalterung des Personals vor allem im Bereich der Konstrukteure, mangelnde Digitalisierung, Schulden der Betriebe gegenüber Banken. 

Zwar arbeiten, wie russische Medien versichern, viele Rüstungsbetriebe inzwischen in drei Schichten, aber das bedeutet nicht, das sie ihre Produktion verdreifachen. Dagegen stehen der Verschleiß alter Produktionstechnik und auch das Problem, sich auf veränderte Bedürfnisse der Streitkräfte einzustellen. So wächst etwa der Bedarf an der Produktion von Drohnen. Nur verfügen die Betriebe dafür oft nicht über die technischen und organisatorischen Voraussetzungen. Hinzu kommt das Problem des »Importersatzes«, also etwa der Herstellung von Computerelementen, die wegen der Sanktionspolitik der westlichen Ländern nicht mehr herangeschafft werden können. Lindernd wirken sich im Widerstand gegen die US-Militärmaschinerie zwei Faktoren aus, die schon im Großen Vaterländischen Krieg der Sowjetunion von maßgeblicher Bedeutung waren: der russische Enthusiasmus und das Talent zur Improvisation. 

Hinzu kommt im Kampf zwischen Moskau und Kiew womöglich die Erfahrung, dass der Einäugige unter den Blinden der König ist. Die wirtschaftspolitische Moskauer Zeitschrift Expertbefasste sich Ende Juni mit dem Potential der ukrainischen Streitkräfte. Auf der Basis umfangreicher offener ukrainischer Quellen kommt das Blatt zu dem Ergebnis, dass Kiew vor allem Probleme hat, seine Truppen im Donbass zu versorgen. Während die Russen in der grenznahen Region kurze Versorgungswege nutzen können, müssen die Ukrainer Waffen, Munition und Verpflegung für die Truppen über eine lange Entfernung heranschaffen. Zudem deckten die Lieferungen westlicher Waffen nur zu zehn bis 15 Prozent die Bedürfnisse der ukrainischen Armee. Die Verfasser der Analyse kommen zu dem Schluss, »dass die westlichen Waffenlieferungen keinen wesentlichen Einfluss auf den Kriegsschauplatz haben werden«. 

Das Hauptproblem aber, so Expert, sei der Mangel an militärischen Fachleuten bei den Ukrainern. Ein weiteres »fundamentales Problem« seien die Wartung und die Reparatur der Militärtechnik. Dabei spielt nicht nur der Mangel an Fachkräften eine Rolle. Ein Sammelsurium an verschiedenen westlichen Waffentypen erfordere verschiedene Spezialisten, welche die Ukraine nicht habe. Zudem räumten ukrainische Militärs ein, dass etwa zehn Prozent der aus dem Westen gelieferten Waffen schon auf dem Weg an die Front vernichtet würden. Weitere dreißig Prozent würden in der ersten Woche im Kampf zerstört. Hinzu komme, dass die Reserven an Waffen und Munition aus sowjetischen Beständen in den inzwischen der NATO angehörenden ehemaligen Staaten des Warschauer Vertrags mittlerweile erschöpft seien. 

Gefährlich, so Expert, bleibe die vom Westen gelieferte Artillerie mit hoher Reichweite, vor allem die US-amerikanischen Systeme »Himars«, mit denen sich Ziele auf russischem Territorium erreichen lassen. Mit den westlichen Waffenlieferungen habe die Ukraine die Möglichkeit, der russischen Armee »einen empfindlichen, aber keinen kritischen Schaden zufügen«. Davor, die ukrainischen Streitkräfte zu unterschätzen, warnte auch Militärexperte Schurygin in der Zeitung Wsgljad am 10. August. Die ukrainische Armee, so Schurygin, habe »nicht auf ihre Idee eines Gegenangriffs verzichtet« und dafür offenkundig in den letzten Wochen Artillerie aus dem Donbass abgezogen. Nach seiner Einschätzung könnten die Ukrainer dafür bis zu 15.000 Soldaten, 120 Panzer und 200 Geschütze inklusive Raketenwerfern aufbieten. Faktisch aber könne auch eine solche Offensive den Vormarsch der russischen Truppen lediglich verzögern. 

Die ganze Ukraine? 

Eine bemerkenswerte Debatte über die Probleme und Folgen der russischen Militäroperation wurde zu Beginn des Krieges in jenem Teil der bewaffneten Organe Russlands geführt, die für den Kampf an der »unsichtbaren Front« zuständig sind, im »Sluschba Wneschnei Raswedki« (SWR), dem Auslandsaufklärungsdienst der Russischen Föderation. Dessen Direktor Sergej Naryschkin veröffentlichte auf der Website des SWR am 3. März einen Text über die »Militärische Spezialoperation«. Darin verwies er auf »Aufklärungsinformationen«, die besagten, dass »die amerikanische Administration und das ihr unterworfene ukrainische Regime auf eine maximale Verlängerung des Konfliktes« setzten. Denn, so Naryschkin: »In Washington hofft man sehr darauf, dass wir in der Operation versinken und verfaulen und dass man sich dann in Ruhe mit der ›Säuberung‹ des Nahen Ostens, Eurasiens und der pazifisch-asiatischen Region beschäftigen könne«. Doch Russland, so der SWR-Direktor, werde »für eine ganz andere Ukraine und eine andere Geschichte« sorgen. Dabei habe der »neutrale Status der Ukraine eine kritische Bedeutung für Russland«. Dieser sei »die minimale territoriale Barriere, die für unser Land nötig ist, um einen Angriff des Westens abzuwehren«. In dieser Stellungnahme spiegeln sich sowohl die Bereitschaft zu einem Kompromiss mit der Ukraine (neutraler Status als Minimum) als auch die in Moskau noch sehr präsente Erfahrung des sowjetischen Feldzuges in Afghanistan, in dem die Sowjetarmee in den 1980er Jahren tatsächlich »versank«, zur Freude Washingtons. 

Auf der Website des Russischen Instituts für Strategische Studien, das vom früheren SWR-Direktor Michail Fradkow geleitet wird, erschien zwei Wochen nach Naryschkins Veröffentlichung ein Text des Ukraine-Experten Oleg Nemensky, der auf offene politische Fragen im Zusammenhang mit der »Spezialoperation« in der Ukraine hinwies. Nemensky, der sich seit dem Maidan-Putsch 2014 mit der Ukraine befasst, wies darauf hin, dass die Verlautbarungen der russischen Führung zum militärischen Vorgehen in der Ukraine »widersprüchlich« seien. So sei das proklamierte Ziel einer »Entnazifizierung« der Ukraine, »ohne deren Territorium unter direkte Kontrolle zu nehmen, schlicht nicht möglich«. Denn dazu wäre »ein System einer äußeren Lenkung der Prozesse in der Ukrai­ne aus Moskau« nötig. Doch in der Ukraine »jetzt Wahlen durchzuführen, die eine Gruppe prorussicher Politiker gewänne«, sei »einfach unmöglich«. Dies, so Nemensky, gelte »auch für die absehbare Zukunft«. »Das Wichtigste«, so der Ukraine-Experte, der auch der Präsidentenadministration zuarbeitet, sei es, dass Russland jetzt »seine Ziele und Vorstellungen von der Zukunft der Ukraine nach dem Sieg der russischen Spezialoperation« verkünde. 

Doch das ist bis jetzt, nach fast einem halben Jahr, nicht geschehen. Dies deutet auf politische Defizite hin, für die Russlands politische Führung die Verantwortung trägt. Ein Aspekt wird in den öffentlich geführten Diskussionen staatsnaher Kräfte in Russland zum Thema »Spezialoperation« bis heute ausgespart: eine Kritik an den politischen Positionen Wladimir Putins, die der »Spezialoperation« zugrunde liegen. In seinem Aufsatz »Über die historische Einheit der Russen und Ukrainer« vom 12. Juni 2021, der sich rückblickend wie eine Begründung der Militäroperation liest, hatte der russische Präsident prinzipiell Position bezogen. Darin hatte er vor dem von westlichen Strategen geförderten Projekt einer Ukraine als »Anti-Russland« gewarnt, das »aggressiv gegen Russland gestimmt« sei und in ein »Aufmarschgebiet gegen Russland« verwandelt werde. »Echte Souveränität der Ukraine«, so Putin, sei »möglich in Partnerschaft mit Russland«. 

Weißgardistischer Vordenker 

In demselben Aufsatz äußerte sich Putin abfällig über die Politik der Bolschewiki unter Lenin in der Ukraine und deren »Kampf gegen den sogenannten russischen Großmachtchauvinismus«. Die sowjetische Nationalitätenpolitik, so Putin, habe »auf staatlicher Ebene die Situation dreier getrennter slawischer Völker geschaffen: der Russen, der Belarussen und der Ukrainer«. Dem setzte Putin die These von der »großen russischen Nation, dem dreieinigen Volk« entgegen, »das aus Großrussen, Kleinrussen und Belarussen besteht«. Mit »Kleinrussen« sind die Ukrainer gemeint. Diese Position Putins rekurriert auf die Auffassung des weißgardistischen Generals Anton Denikin, auf den Putin sich in den letzten Jahren wiederholt berief. Denikin hatte sich zu der These verstiegen, die Ukrainer seien »keine Nation, sondern eine von Österreich und Deutschland großgezogene politische Partei«. 

Denikins Truppen hatten 1919 einige Monate große Teile der Ukraine kontrolliert. Was das ehemalige KPdSU-Mitglied Wladimir Putin offenkundig verdrängt: Mit ihrer großrussisch reaktionären Politik, die auch die Schließung ukrainischer Schulen einschloss, brachten die Weißgardisten große Teile der Ukrainer gegen sich auf. Nicht zuletzt deshalb gelang es der Roten Armee im Herbst 1919, die Denikin-Truppen aus der Ukraine zu vertreiben. 

Beim Versuch Russlands, die Verwandlung der Ukraine in einen Aufmarschplatz der NATO zu verhindern, ist Weißgardisten-Nostalgie das größte politische Risiko. Denn die Aufgabe, die Ukrainer in einen gemeinsamen Staat zu integrieren, auch durch Kompromisse in Fragen der Sprache und Kultur, hat niemand klüger gelöst als Lenin. Der Versuch, diese Erfahrung abzuwerten oder gar zu ignorieren, kann mit militärischen Mitteln kaum kompensiert werden. 

 

 

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