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"Soldaten drehen durch“: Desertionen werden für Kiews Militär zum Problem

2023-11-25 20:13
von Thomas

In den neun Monaten des laufenden Jahres flohen aus dem ukrainischen Militär 4.638 Soldaten, weitere 10.940 entfernten sich vorübergehend, es gab 161 Fälle von Selbstverstümmelung. Deserteure werden zu einer fünf- bis achtjährigen Freiheitsstrafe verurteilt. Vor der russischen Militäroperation endeten solche Fälle oft mit einer vorgerichtlichen Beilegung und einer Bewährungsstrafe.

Die Anzahl der in ukrainischen Gefängnissen sitzenden Deserteure entspricht der Personalstärke von einigen Brigaden. Ihr Motiv ist klar: die Angst vor dem Tod. So meldeten einheimische Medien, dass ein russischer Marschflugkörper mehrere Dutzende Soldaten in ihren Kasernen tötete. Einer der Überlebenden floh und nahm sein Gewehr mit. Seine Bekannten behaupten, er hätte sich ergeben. Dennoch wurde er in Absentia zu einer achtjährigen Haftstrafe verurteilt.

Ein anderer Kämpfer verließ nach einem Beschuss seine Stellung, kehrte aber später zurück. Er wurde zu Militärpsychiatern geschickt. Vor dem Ende seiner Behandlung verschwand er erneut. Er wurde festgenommen und zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt.

Ein weiterer Deserteur gestand vor dem Gericht, dass er Angst hatte, beim Sturm der Stadt Liman umzukommen. Seinen Angaben nach war der Einsatz schlecht geplant, es mangelte an Feuerunterstützung. Das Gericht verurteilte ihn zu fünf Jahren Haft. Es gibt auch Versuche, ins Ausland zu fliehen. Ein solcher Deserteur wurde im Juli dieses Jahres an der Grenze zu Rumänien verhaftet und ebenfalls zu einer fünfjährigen Gefängnisstrafe verurteilt.

Einige werden in Disziplinarbataillone geschickt. Dieses Thema wird nicht besonders breit behandelt, doch solche Einheiten existieren. Freilich ergaben sich Angehörige dieser Strafbataillone an der Front bei erster Gelegenheit. Nun werden sie nur noch mit Bauarbeiten beauftragt.

Psychologische Hilfe

Offiziere werden für die Desertionen ihrer Untergebenen bestraft. Wenn daher ein Soldat erklärt, dass er eher ins Gefängnis gesperrt wird, als sich unter Beschuss zu begeben, wird er im Hinterland gehalten.

Doch die Müdigkeit von den Kampfhandlungen sammelt sich bei allen an. Verluste sind riesig, und mit Verstärkung gibt es Probleme. In vielen Kampfverbänden erreicht der Personalmangel 30 bis 40 Prozent. Und praktisch überall gibt es versteckte Desertionen. Soldaten, Unteroffiziere und Offiziere täuschen Krankheiten vor, versuchen, sich länger bei Stäben oder Einheiten im Hinterland aufzuhalten, um nicht an die Front gehen zu müssen.

Zur Hilfe eilen "Psychologen". Eine von ihnen, namens Olesja Olchowik, behauptet etwa: die Angst, zu sterben und nicht zu sehen, wie die eigenen Kinder heranwachsen, könne nicht als Ausrede dienen, wenn man für sein Land sterben müsse. "Die Mehrheit der Männer, die sich freiwillig gemeldet haben, hat ebenfalls eine Familie zu Hause", betont sie.

Angst müsse bekämpft werden. Dennoch leben viele nach dem Prinzip "das geht mich nichts an", räumt Olchowik ein, weswegen der Staat die Propaganda verstärken müsse. Selbst unter schwierigsten Umständen müsse sich ein Ukrainer für die Verteidigung seines Landes und nicht für die eigene Rettung entscheiden, betont die "Psychologin".

Bei erster Gelegenheit

"Ein Verwandter von mir überlebte bei Bachmut. Nach einem weiteren Gemetzel, bei dem der Großteil seiner Kompanie fiel, hatte er eine Schlägerei mit dem Kommandeur. Ein Strafverfahren wurde eingeleitet. Der Verteidiger empfahl eine psychiatrische Begutachtung. Aus dem Krankenhaus floh der Soldat nach Rumänien und setzte sich von dort aus nach Deutschland ab. Doch dafür hatte er 5.000 US-Dollar vorrätig. Wer kein Geld hat, versteckt sich bei Verwandten und Bekannten. Und das ist schlimmer – ohne eine Bescheinigung von der Musterungsbehörde lässt man einen nicht einmal zum Arzt", berichtete der Ukrainer Wladimir Bespalko gegenüber RIA Nowosti.

Bespalko selbst diente im ukrainischen Militär in den Jahren 2016 und 2017. Auch damals gab es genug Deserteure, in seiner Kompanie etwa zehn Prozent. Denn zum damaligen Zeitpunkt waren keine Freiwillige mehr übrig, und Eingezogene wollten nicht zur "Antiterroroperation" (Kiews Krieg gegen die Donbass-Republiken) gehen. Doch das Problem wurde totgeschwiegen. Bespalko schließt nicht aus, dass die Behörden auch heute die Statistik beschönigen. "Es gibt viele Vermisste, doch sie werden nicht rechtzeitig gemeldet, weil für sie immer noch Gehälter kommen. Wenn ein Soldat desertiert, aber seine Bankkarte nicht mitnimmt, wird er normalerweise nicht gemeldet. Und wenn einer es meldet, bekommt er selbst ein Problem: Man wird ihn fragen, warum er dies zugelassen und nicht verhindert hat", erklärt der Ukrainer.

Anton Amossow, ein weiterer ehemaliger ukrainischer Soldat, merkt an, dass es unter den Rekruten nicht wenige gut gebildete und erfolgreiche Menschen gibt, die oft von ungebildeten, manchmal alkoholsüchtigen Offizieren kommandiert werden. Er erklärt: "Da kommst du in die Einheit zu einem Dummkopf, und dein erster Gedanke ist: warum soll ich mich ihm unterordnen? Anfangs gab es noch Warteschlangen von Freiwilligen vor den Musterungsbehörden. Heute will das niemand mehr. Die ersten Mobilisierten sind schon seit zwei Jahren an der Front und drehen dort durch. Niemand ruft mehr: 'Für das Vaterland!' Stattdessen fragen sie sich, wessen Vaterland das denn sei. Freilich gibt es Hass auf die Russen, der von den Machthabern gefördert wird. Doch gleichzeitig nimmt auch das Unverständnis für die Aktionen der regierenden Elite zu."

Nicht umsonst werde die Mobilmachung, auf Russisch und Ukrainisch, eigentlich "Mobilisazija", umgangssprachlich "Utilisazija", also Entsorgung, genannt, fügt Amossow hinzu. Wer eine Chance hat, sich dem Wehrdienst zu entziehen, nutzt sie, und wird deswegen nicht von seinen Mitmenschen verurteilt.

Flucht vor der eigenen Armee

In Deutschland leben viele Ukrainer, die in der Heimat für den Krieg fehlen. Zu der offiziellen Zahl kommen nach Schätzungen noch einmal 100.000 hinzu, die sich illegal in Deutschland aufhalten. Die Regierung Selenskij hat indes keine Handhabe, die potenziellen Soldaten zurückzuholen, berichtet die Welt. 

Seit dem 24. Februar 2022, dem Beginn der russischen Offensive, sind 221.571 ukrainische Männer zwischen 18 und 60 Jahren nach Deutschland gekommen. Sie sind also im wehrfähigen Alter. Davon halten sich heute 189.484 Männer im Land auf, teilte das Bundesinnenministerium auf Anfrage mit. Stand: 31. August 2023.

Für die Ukraine stellt die Rekrutierung wehrfähiger Männern im zweiten Kriegsjahr inzwischen ein massives Problem dar. Raketen, Panzer, Munition und anderes Kriegs- oder Katastrophenschutzgerät lassen sich ersetzen, zumindest teilweise. Solange die westlichen Verbündeten liefern. Soldaten aber nicht – beziehungsweise immer schwerer, kommentiert die Welt.

Nach Angaben des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) haben knapp 6,3 Millionen Menschen in Folge des Krieges die Ukraine verlassen. Nahezu alle sind in europäische Länder geflohen, zum größten Teil Frauen und Kinder. Der EU-Statistikbehörde Eurostat zufolge sind in den 27 EU-Staaten sowie in Norwegen, der Schweiz und Liechtenstein allerdings mehr als 650.000 ukrainische Männer im Alter von 18 bis 64 Jahren als Flüchtlinge registriert – also tausende potenzielle Soldaten.

Das ist eine beachtliche Zahl, mit Blick auf die jüngste Aussage des neuen ukrainischen Verteidigungsministers Rustem Umjerow, wonach die reguläre Armee des Landes insgesamt aus 800.000 Soldaten besteht. Angesichts der massiven Verluste an der Front, zu denen die Regierung in Kiew keine Angaben macht, ist die Zahl der ins Ausland geflüchteten Männer sehr hoch.

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