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Wir liefern die Waffen, ihr liefert die Leichen!

2022-07-02 07:20
von Thomas

Jacques Baud In der Realität hat sich nichts geändert. Es handelt sich um eine Veränderung der Wahrnehmungen. Es ist bereits seit mehreren Wochen bekannt, dass die Lage der Ukraine und ihrer Streitkräfte katastrophal ist. Die menschlichen und materiellen Verluste des Landes sind sehr hoch. Zunächst spielten die Ukraine und unsere Medien diese Verluste herunter, um eine Rhetorik rund um eine russische Niederlage und einen ukrainischen Sieg zu entwickeln. Heute ist die Ukraine aufgrund der Realität auf dem Schlachtfeld gezwungen, diese Verluste anzuerkennen. Selenskij hat verstanden, dass diese Verluste als Argument für weitere westliche Hilfe genutzt werden können. 

Was hingegen immer wieder Thema ist, sind die geforderten Waffenlieferungen. Wer soll die Waffen denn bedienen, wenn der grösste Teil der Armee im Donbas eingekesselt ist?

Zunächst einmal muss man sich darüber im klaren sein, dass westliche Waffenlieferungen mehrere Probleme mit sich bringen. Erstens wissen selbst die US-Geheimdienste nicht, ob und wo die gelieferten Waffen ankommen. Der Chef von Interpol warnt, dass ein Teil dieser Waffen in die Hände von kriminellen Organisationen gelangen könnte. Bereits jetzt werden im Darknet Javelin-Panzerabwehrraketen für 30 000 Dollar angeboten. Offenbar werden diese Waffen sofort nach ihrer Ankunft in Kiew weiterverkauft. Zweitens werden Waffen oft nach dem Prinzip «Wer zuerst kommt, mahlt zuerst» verteilt und gelangen nicht immer zu denjenigen, die sie im Feld am dringendsten benötigen. Sie gelangen schliesslich häufig in die Hände der russischen ­Koalition. 

Woran lässt sich das erkennen?

Derzeit sind die Milizen der Republik Donezk mit Javelin-Raketen ausgestattet, die aus den von der russischen Armee erbeuteten Beständen stammen. Ich erinnere daran, dass ukrainische Hubschrauber, die gekommen waren, um Kämpfer aus Asowstal zu exfiltrieren, mit von den Amerikanern gelieferten Stinger-Raketen abgeschossen wurden. Zuletzt machen die vom Westen gelieferten Waffen nur einen Bruchteil der von den Russen zerstörten Waffen aus. Beispielsweise schickt Grossbritannien drei Mehrfachraketenwerfer M270 an die Ukraine, doch zu Beginn des Krieges verfügte die Ukraine über mehrere Hundert gleichwertiger Systeme. Mit anderen Worten: Diese Waffen werden nichts ändern, sondern nur den Zeitpunkt für Verhandlungen hinauszögern.

Das ist eigentlich unglaublich. Man sprach doch immer von hohen russischen Verlusten. Kann man die verifizieren, und wie sind die Verluste auf der Seite der Ukrainer? 

 

n Wirklichkeit ist die Zahl der getöteten Soldaten nicht bekannt, weder bei den Russen noch bei den Ukrainern. Die Zahlen, die in der Schweizer Presse genannt werden, sind die Zahlen, die von der ukrainischen Propaganda verbreitet werden. Anfang Juni sprach Präsident Selenskij von 60 bis 100 getöteten Soldaten pro Tag. Eine Woche später erklärte Mykhailo Podoliak, Selenskijs Berater, dass die ukrainischen Streitkräfte 100 bis 200 Mann pro Tag verlieren. Heute spricht David Arakhamia, Chefunterhändler und enger Berater von Selenskij, von 200 bis 500 Toten pro Tag und insgesamt von 1000 Verlusten (Tote, Verwundete, Gefangene, Deserteure) pro Tag. Es ist unklar, ob diese Zahlen stimmen.

Gibt es dazu irgendwelche Kommentare, aufgrund deren man sich ein realistisches Bild über die Zahlen machen kann?

 Auf der einen Seite sind Experten, die den Geheimdiensten nahestehen, der Meinung, dass diese Zahlen weit unter der Realität liegen. Andererseits liegen die ukrainischen Zahlen über den vom russischen Militär angegebenen Schätzungen. Einige sagen, dass die ukrainischen Streitkräfte 60 000 Tote und 50 000 Vermisste zu beklagen hätten. Diese Zahlen sind jedoch derzeit nicht überprüfbar. 

Warum berichten die Ukrainer erst jetzt von so hohen Verlustzahlen? 

Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Ukrainer hohe Zahlen melden, um den Westen dazu zu bringen, seine Waffenlieferungen zu erhöhen. Dies erklärt jedoch nicht alles. Das eigentliche Problem ist die Art und Weise, wie die ukrainische Führung ihre Operationen führt. Anstatt dynamisch zu führen und die Bewegung zu nutzen, verlangt die Ukraine – und insbesondere Selenskij – von ihren Truppen, das Feld zu «halten». Das ist ein biss­chen wie die Situation in Frankreich während des Ersten Weltkriegs. Das ist der Hauptunterschied zwischen der Ukraine und Russ­land: In der Ukraine werden die Operationen von der politischen Führung gesteuert, während in Russland die Operationen Sache des russischen Generalstabs sind. Im Übrigen haben selbst die Amerikaner dieses Problem erkannt. 

Inwiefern?

Laut Arakhamia dienen die Versuche, gegen die russische Armee Boden zu gewinnen, lediglich dazu, eine bessere Ausgangslage zu haben, um später mit den Russen zu verhandeln. Dies ist eine rein politische Kriegsführung, die keine Rücksicht auf das Leben der Soldaten nimmt. Dieser Ansatz wird von den westlichen Ländern und unserer Diplomatie unterstützt: Das ist sehr ernst.

Am Anfang des Krieges hat man den Widerstandswillen der Ukrainer betont. Gibt es diesen denn nicht mehr?

Ich denke, das ukrainische Militär erfüllt seine Aufgabe mit Tapferkeit. Die Soldaten befinden sich in Schützengräben, die sie seit 2014 zur Einkreisung des Donbas ausgehoben hatten. Leider sind ihre Erfolgsaussichten angesichts der Artillerie und eines mobilen Feindes gering. Es scheint, dass der Militärstab diese Männer in günstigere Kampfpositionen zurückziehen wollte, aber die politische Führung des Landes hat dies abgelehnt. Hier haben unsere Medien und Politiker eine perverse Rolle gespielt, indem sie die Illusion eines ukrainischen Sieges und das Versprechen umfangreicher Waffenlieferungen aufrecht erhielten. 

Damit haben sie die Öffentlichkeit einschliesslich der Ukrainer an der Nase herumgeführt.

Ja. Heute ist klar, dass die Ukrainer und der Westen sich gegenseitig belogen haben, nur um Russland in Schwierigkeiten zu bringen. Die Ukrainer müssen nun schlecht ausgerüstete und schlecht vorbereitete Gebietseinheiten aus dem Westen des Landes in den Donbas schicken. Dies schafft Unzufriedenheit, und es kam zu zahlreichen Demonstrationen gegen Selenskij im Westen des Landes und in Kiew. Aus diesem Grund musste Kiew neue Gesetze erlassen, um diejenigen zu bekämpfen, die nicht mit der Regierung einverstanden sind. Unsere Diplomaten haben eindeutig aktiv zum Tod Tausender ukrainischer Militärangehöriger beigetragen. Es sind die westlichen Militärs, die heute versuchen, Vernunft in diesen Konflikt zu bringen.

Aber gibt es in den von Russland besetzten Gebieten keine Widerstandsbewegungen?

Interessanterweise sind keine Bewegungen des Volkswiderstands gegen die russische Präsenz zu beobachten. Die westliche Rhetorik von einem heroischen Widerstand des Volkes gegen Russland beruht im Wesentlichen auf den Erklärungen von Nationalisten im westlichen Teil des Landes. Tatsächlich sind die von der russischen Koalition besetzten Gebiete im Osten und Süden des Landes von russischsprachigen Menschen bewohnt. Die Ukrainer haben diese Bevölkerung nie wirklich als ukrainisch betrachtet, wie das Anfang Juli 2021 verabschiedete Gesetz über die indigenen Völker der Ukraine beweist. Die regelmässige Bombardierung von Städten wie Donezk durch die eigene Armee seit 2014 bis heute hat dazu geführt, dass die Bevölkerung im Süden des Landes nicht völlig gegen die russische Präsenz ist. Sie sehen die Russen sogar eher als Befreier.

Kann man unter diesem Gesichtspunkt schon absehen, was Russland in der Ukraine weiter vorhat?

Die Russen halten sich mit ihren Absichten sehr diskret zurück, da sie ihre Ziele an die Verhandlungsbereitschaft der Ukrainer anpassen. Solange die Ukrainer sich weigern zu verhandeln, rücken die Russen weiter vor. Im März waren sie bereit, auf der Grundlage von Selenskijs Vorschlägen zu verhandeln. Unter dem Druck von Boris Johnson zog Selenskij seine Vorschläge jedoch zurück. Die Russen machten also weiter Fortschritte.

Was heisst das jetzt?

Sie würden das, was die Ukrainer im März hätten retten können, nicht wieder auf den Verhandlungstisch legen. Zum jetzigen Zeitpunkt ist es wahrscheinlich, dass die Russen weiter in Richtung Moldawien vorstossen werden, um eine Verbindung mit Transnistrien herzustellen. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass es in der Südukraine zu einer «Neuschaffung» von Noworossija kommen wird. Die wichtigste Folge des russischen Vorgehens ist, dass die Ukraine ihren Zugang zum Meer verlieren wird.

Was in unseren Medien in der letzten Zeit immer wieder berichtet wird, ist, dass Russland für die steigenden Weizenpreise und einer daraus folgenden Hungerkatastrophe verantwortlich sei. Haben Sie dazu Informationen?

Die Anklagen gegen Russland sind Teil der westlichen Rhetorik, um Russland vom Rest der Welt zu isolieren und sich von westlichen Fehlern freizusprechen. Zunächst einmal ist der Anstieg der Getreidepreise nicht direkt auf den Krieg zurückzuführen, sondern auf die Bedingungen, die von den westlichen Ländern geschaffen wurden, indem sie bewusst versuchten, die Situation zu dramatisieren. Dasselbe Phänomen ist auch bei den Erdölpreisen zu beobachten. Der Anstieg der Getreidepreise ist die Folge mehrerer Faktoren. Erstens: Zahlungsbeschränkungen, die dazu führen, dass die Käufer US-Sanktionen gegen sie befürchten. Zweitens sind die Transporte zu teuer geworden, weil der Ölmarkt aufgrund der westlichen Sanktionen geschrumpft ist. Drittens verhindern die westlichen Sanktionen, dass Düngemittel auf den Markt kommen; diese Produkte sind zwar nicht sanktioniert, aber bei den Zahlungsmitteln gab es Beschränkungen, die den Käufern Angst machen.

s wird aber der Vorwurf erhoben, dass die Ukraine wegen der Russen kein Getreide liefern könne. Ist das tatsächlich so?

Nein, das ist nicht wahr. Aus zwei Hauptgründen. Der erste ist, dass unsere Medien natürlich nicht berichten, dass die Schwarzmeerhäfen von der Ukraine vermint wurden, weil sie einen Angriff vom Schwarzen Meer aus befürchtete. Infolge von Stürmen haben sich viele dieser Minen gelöst und bewegen sich frei. Sie wurden zu einer Gefahr für die Seeschifffahrt. Die türkische Marine musste mehrere von ihnen entschärfen, die den Bosporus erreicht hatten. Der zweite Grund ist, dass Russland die ukrainischen Häfen nicht blockiert. Im Gegenteil, es erlaubt Schiffskonvois, ukrainische Häfen zu beliefern; es garantiert sogar Seekorridore, deren Koordinaten in regelmässigen Abständen über internationale Seefrequenzen ausgestrahlt werden. Das Problem ist, dass diese Korridore wegen der ukrainischen Minen nicht genutzt werden. Im Übrigen hat David Arakhamia deutlich gemacht, dass die Ukraine nicht die Absicht hat, ihre Minen aus dem Schwarzen Meer zu entfernen. Es ist ein biss­chen in Mode gekommen, Putin für westliche Entscheidungen verantwortlich zu machen, die nicht gründlich durchdacht und nicht in eine kohärente Strategie eingebettet sind.

Ist tatsächlich dadurch eine Knappheit auf dem Markt entstanden, oder ist das ein künstlicher Vorgang, um die Preise nach oben zu treiben?

Ich bin kein Spezialist des Getreidehandels. Aber zum einen hat es die Ukraine nicht geschafft, ihre Getreideernte für 2021 vor der russischen Offensive zu verkaufen, und zum anderen scheint Russland für 2022 eine aussergewöhnliche Ernte zu erwarten. Folglich sieht es nicht so aus, als ob es eine Getreideknappheit gibt. Das Problem ist, dass das Getreide nicht auf den Markt gelangen kann. Dies liegt vor allem an den westlichen Sanktionen gegen Russland und Belarus. Natürlich hat diese Situation das Interesse der Spekulanten geweckt, aber ich kann diesen Faktor nicht einschätzen.

Polen zeigt sich immer wieder ganz besorgt, dass demnächst ein russischer Angriff auf sein Territorium erfolgen wird. Wie realistisch ist das Szenario?

Polen hat in diesem Konflikt immer wieder Öl ins Feuer gegossen. Es träumt davon, sein altes Intermarium-Projekt zu verwirklichen, das sich Marschall Pilsudski in den 1930er Jahren gewünscht hatte und das die Länder zwischen der Ostsee und dem Schwarzen Meer zusammenführen sollte. So sollte das Königreich Polen aus dem 17. Jahrhundert wiederhergestellt werden. Polen träumt von einem offenen Konflikt mit Russland, weil es – wie die Ukraine – glaubt, dass Russland mithilfe der Nato endgültig besiegt werde und sein alter Traum in Erfüllung gehen könnte. Dies zeigt im Übrigen, dass Polens Interesse an Europa nur oberflächlich ist.

Warum fällt den europäischen Staaten nicht auf, was hier für ein dreckiges Spiel gespielt wird?

Das Ziel der westlichen Länder (zu denen ich natürlich auch die Schweiz zähle) ist es, die russische Regierung auf die eine oder andere Weise zu destabilisieren. Für diese Länder heiligt der Zweck die Mittel. Deshalb haben wir keine Gewissensbisse, die russische Bevölkerung (auch in unseren Ländern) anzugreifen und die ukrainische Bevölkerung zu opfern. Wie Andrés Manuel López Obrador, Präsident von Mexiko, über die Politik der Nato gegenüber der Ukraine sagte: «Wir liefern die Waffen, ihr liefert die Leichen! Das ist unmoralisch.»

Herr Baud, vielen Dank für das Interview.

Interview Thomas Kaiser

 

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