Der Algorithmus des Krieges
Westliche Analysten messen den Ukraine-Krieg in Metern pro Tag. Nach neuen Berechnungen des Center for Strategic and International Studies bewegen sich russische Streitkräfte seit Anfang 2024 mit durchschnittlich 15 bis 70 Metern täglich vorwärts.¹ Das sei langsamer als die Schlacht an der Somme 1916, heißt es in der Analyse. Der britische Telegraph sekundiert: »Russlands Streitkräfte rücken langsamer vor als jede andere Armee im letzten Jahrhundert.« (30.1.2026) Die Washingtoner Denkfabrik schließt daraus: Russland zahle einen außerordentlichen Preis für minimale Geländegewinne und entwickle sich daher zu einer Macht zweiten oder dritten Ranges. Diese Resultate verfehlten Moskaus Ziel, die Ukraine militärisch zu erobern, in entscheidender Weise.
Doch dieser Befund beruht auf einem kategorialen Fehler. Seit dem Frühjahr 2023 lässt sich an keiner Stelle der Front ein dokumentierter russischer Versuch erkennen, einen klassischen Durchbruch in die Tiefe des gegnerischen Raumes zu erzielen. Weder massierte Panzerbewegungen noch eine operative Phase der Erfolgsausnutzung sind zu beobachten. Das System ist offenbar nicht auf Offensive im westlichen Sinne ausgerichtet, sondern auf Kontrolle über das Kräfteverhältnis und das Schaffen von Ermüdungsräumen.
Was westliche Beobachter als fehlende Offensive interpretieren, ist möglicherweise ein anderes Verständnis von Effizienz: Es gibt keine »Winteroffensive«, sondern eine fortlaufende Regulierung der eigenen Wirkung. Russland betrachtet Frontverläufe nicht als Zielgrößen, sondern als Messgrößen eines Abnutzungsprozesses. Der Krieg wird als kontinuierlicher, kybernetischer Regelkreis geführt, in dem Verlust- und Wirkungskurven wichtiger sind als Raumgewinn.
Sollte diese Lesart zutreffen, ist der Krieg nicht auf Sieg durch Eroberung angelegt, sondern auf Sieg durch Systemresilienz: Es geht nicht darum, Territorium zu nehmen, sondern darum, welches System länger durchhält. Russland hält den eigenen Druck unterhalb jenes Kippunktes, an dem das eigene System instabil würde, während es versucht, das gegnerische System systematisch zu überlasten – bis dessen Logistik, Rekrutierung, Wirtschaft oder Kommandostruktur kollabieren. Der Krieg endet nicht durch Durchbruch, sondern durch Systemversagen der einen Seite.
Der Nebel lichtet sich
Diese Form der Kriegführung lässt sich als kybernetische Kriegführung bezeichnen: ein selbstregulierendes System, das durch Rückkopplung lernt und sich anpasst. Die konzeptionelle Grundlage dieser Kriegführung lässt sich auf den sowjetischen Militärtheoretiker Aleksandr Swetschin zurückführen. Für Swetschin war Strategie kein Plan, sondern ein dauerndes Reagieren auf die Veränderung der Gesamtlage. Wo Clausewitz die Entscheidungsschlacht ins Zentrum stellte, entwickelte Swetschin das Konzept eines Adaptionssystems. Krieg als kontinuierlicher Prozess strategischer Anpassung. In diesem Sinn ist die russische Kriegführung heute eher Swetschinisch als Clausewitzisch – Swetschin plus Digitalisierung.
Die theoretische Brücke dazu bildet Norbert Wiener, der Begründer der Kybernetik. Wiener definierte Kybernetik als Wissenschaft von Steuerung und Regelung durch Rückkopplung: Ein System beobachtet seine Umwelt, wertet Daten aus, passt sein Verhalten an. Kybernetische Kriegführung bedeutet: Der Krieg wird regelkreisbasiert geführt, um mit minimalem eigenem Einsatz maximale gegnerische Systemschäden zu erzeugen.
Der Unterschied zu früheren Versuchen, Krieg zu rationalisieren, ist fundamental. Während der damalige US-Kriegsminister Robert McNamara im Vietnamkrieg versuchte, militärischen Erfolg nachträglich zu mathematisieren – etwa durch Bodycount-Statistiken –, hat Russland den Krieg operativ algorithmisiert. Vom statistischen Bodycount zum Echtzeit-Datenfeedback. Man kann diese Kriegführung als digitalisierten, industriellen Destruktionsprozess beschreiben: Russland betreibt Krieg wie eine Fabrik – standardisiert, datengetrieben, seriell. Das Ziel ist nicht primär Territorium, sondern die planbare Erschöpfung gegnerischer Systeme. Diese Form der Kriegführung ist abstrakt und prozessual, deshalb oft unverständlich für westliche Beobachter, die Erfolg in Kilometern messen. Die russische Kriegführung operiert auf einer anderen Abstraktionsebene: Der Westen konzentriert sich auf Bestandsgrößen – etwa die Konkretion von Gebietskontrolle –, Russland hingegen auf Flussgrößen, das heißt auf das Verhältnis von Einsatz zu Wirkung über Zeit.
Das technische Rückgrat bildet ESU-TZ, ein russisches netzwerkbasiertes Führungssystem, das Einheiten, Aufklärungsmittel und Feuerwirkung in einem gemeinsamen Informationsfeld zusammenführt – vergleichbar westlichen C2-Systemen, aber auf Rückkopplung und Echtzeitanpassung optimiert. Sensoren füttern ein einheitliches Informationsfeld, Algorithmen und Modelle unterstützen die Priorisierung von Zielen, Feuerkräfte wirken mit deutlich verkürzter Latenz. Es bildet das computerbasierte Herz der kybernetischen Kriegführung.
Eine der präzisesten Selbstbeschreibungen dieser neuen Kriegsform stammt aus Russland selbst. Juri Balujewski, ehemaliger Generalstabschef der russischen Streitkräfte (2004–2008), und Ruslan Puchow, Direktor des Zentrums für Analyse von Strategien und Technologien, veröffentlichten im Dezember 2025 einen Aufsatz mit dem Titel »Digitaler Krieg – neue Realität«. Darin beschreiben sie, was sich in der Ukraine vollzieht.²
Die wichtigste Veränderung sei die vollständige Transparenz des Gefechtsfelds. Der »Nebel des Krieges« habe sich aufgelöst. Durch allgegenwärtige Drohnen, Satellitenkommunikation und vernetzte Sensoren entstehe eine einheitliche Informationsumgebung, die taktische, operative und strategische Ebenen funktional miteinander verschmelze. Die Grenzen zwischen diesen Ebenen würden verschwimmen. Die zweite fundamentale Veränderung: Das taktische Gefechtsfeld und die Tiefen des Raums bis zu vielen Dutzend Kilometern verwandeln sich in »Zonen totaler Vernichtung«. In diesen Zonen sei jede Bewegung, jede Konzentration von Kräften sofort sichtbar und angreifbar. Die Folge: extreme Zerstreuung und sehr niedrige Dichte der Kampfverbände.
Als Katalysator dieser Entwicklung nennt Balujewski die Einführung global verfügbarer Satellitennetze wie »Starlink«. Erstmals existiert damit eine durchgängige, skalierbare Informationsinfrastruktur, die eine Rückkopplung bis auf die unterste taktische Ebene ermöglicht. Die kybernetische Logik dieser Kriegführung ist kein theoretisches Konstrukt, sondern lässt sich empirisch beobachten. Beispielhaft seien hier drei Elemente genannt: die massenhafte Nutzung der »Geran«-Drohnen, der industrialisierte Einsatz von Gleitbomben und die Organisationsform der russischen Drohneneinheit Rubicon.
Neuer Typus Drohne
Die organisatorische Verkörperung kybernetischer Kriegführung ist die Drohneneinheit »Rubicon«. Sie wurde im August 2024 auf Anweisung von Verteidigungsminister Andrej Beloussow gegründet und ihm – anders als bei den für herkömmliche Drohnen zuständigen Verbänden – direkt unterstellt. »Rubicon« kombiniert Kampfführung, Entwicklung, Produktion und Erprobung in einem integrierten Modell mit Rückkopplungsschleifen. Das Zentrum der Einheit verfügt über eine eigene Entwicklungsabteilung, ein Trainingszentrum, eine Analytikabteilung und eigenständige Kampfeinheiten. Ein wesentlicher Teil der technologischen Entwicklungen stammt aus der sogenannten Volksverteidigungsindustrie – Einzelpersonen oder kleine Firmen, die auf eigene Initiative Technologie für die russische Armee entwickeln. »Rubicon« gibt diesen Entwicklern direktes Feedback zu aktuellen Bedürfnissen und Problemen. Bewährte Lösungen werden skaliert und in Massenproduktion überführt.
Das markanteste Beispiel sind Glasfaserdrohnen, die gegen elektronische Störmaßnahmen immun sind. Diese Systeme wurden zunächst in Kursk getestet und innerhalb weniger Wochen zum frontweiten Einsatz gebracht. Der entscheidende Unterschied zu klassischen Militärstrukturen: »Rubicon« experimentiert wie ein Startup – schnelle Tests, direkte Feedbackschleifen von der Front zur Entwicklung – kann aber erfolgreiche Lösungen mit staatlicher Autorität sofort über das gesamte Militär skalieren. Während die Ukraine innovativ von unten nach oben arbeitet, aber anscheinend Schwierigkeiten hat, Innovationen zu systematisieren, kann Russland bewährte Lösungen schnell über das gesamte Militär und die Rüstungsindustrie ausdehnen. »Rubicon« schlägt die Brücke zwischen beiden Ansätzen.
Alte Technik weiterentwickelt
Diese organisatorische Innovation entfaltet ihre Wirkung jedoch erst durch konkrete Waffensysteme, die in die kybernetische Logik eingebettet sind. So ist der massenhafte Einsatz russischer Gleitbomben eine funktionale Weiterentwicklung einer alten Waffe. Denn im Kern handelt es sich weiterhin um klassische Fliegerbomben sowjetischer Bauart, die mit vergleichsweise einfachen Gleit- und Steuerungssätzen versehen werden. Ihre industrielle Herstellung ist unkompliziert, die Produktionslinien existieren seit Jahrzehnten, die Stückkosten liegen deutlich unter jenen moderner Marschflugkörper. Entscheidend ist jedoch: Die Präzision dieser Waffen hat sich in den letzten Monaten deutlich erhöht. Anhand der Einschlagsmuster lässt sich erkennen, dass die Gleitbomben gezielt entlang definierter Verteidigungsstrukturen eingesetzt werden. Einschläge folgen Grabenverläufen, Unterständen, bekannten Sammelpunkten und rückwärtigen Verbindungsachsen. Ganze Frontabschnitte werden systematisch abgearbeitet – nicht flächig, sondern strukturiert.